Jeder Politiker arbeitet konzeptionell. Jeder Politiker hat ein Konzept. Im Prinzip zumindest. In der Praxis sieht es allerdings oft anders aus. So auch beim Wörth-Areal. Seit Monaten diskutieren wir, ob und wenn ja, wie das Wörth-Areal bebaut werden soll. Das heißt, beim „ob“ waren wir uns größtenteils einig. Beim „wie“ jedoch gab es unterschiedliche Vorstellungen. Und trotz aller Diskussion gibt es diese immer noch.
So scheiden sich die Vorstellungen der Stadträte vor allem an den Fragen, was und wie gebaut werden soll. Viele Bürger hingegen fragen sich, ob überhaupt etwas gebaut werden soll. Sie fürchten – nicht zu Unrecht – der Neckar könnte zugebaut werden. Nürtingen, die „Stadt am Fluss“, könnte sich zu weit vom Fluss entfernen. Den Bürgern wäre somit der Zugang zum Neckar eingegrenzt oder gar ganz verschlossen. Eine Bebauung würde die Silhouette des Nürtinger Stadtbilds nicht nur verändern, sondern gar zerstören. Kurzum: Die Lebensqualität Nürtingens würde aus Sicht der Bürger massiv beeinträchtigt.
Das zeigte sich mehr als deutlich in den Diskussionen am letzten Mittwochabend bei der Veranstaltung „Demokratie vor Ort“. Nun hat sich die Mehrzahl der Fraktionen für eine Bebauung des Wörth-Areals ausgesprochen. Die Frage des „Wie“ jedoch ist immer noch völlig offen.
Auch die SPD war und ist für eine Bebauung. Allerdings mit ganz bestimmten und genau definierten Einschränkungen. Diese waren:
1.) Das Neckar- und Steinachufer muss auch weiterhin für alle Bürger frei zugänglich sein.
2.) Das setzt eine gewisse Breite der Anlagen zum Neckar hin voraus.
3.) Die Bebauung darf nicht zu hoch sein, damit die bestehenden Gebäude dahinter nicht vollständig verdeckt werden.
4.) Die Linienführung der Dächer der neuen Gebäude muss mit der bestehenden Nürtinger Silhouette zumindest harmonieren.
5.) Die Fronten der neuen Gebäude müssen die vorhanden Baustile aufgreifen oder zumindest in leicht abgewandelter Form interpretieren.
Wir denken (und hoffen), dass das Vorgaben und Ansatzpunkte der Gestaltung sind, die sich auch andere Fraktionen zu eigen machen könnten. Und die wir auch gemeinsam auch den Bürgern Nürtingens nahe bringen könnten. Denn das müssen wir tun, hätten es im Grunde genommen schon wesentlich früher tun müssen. Denn auch dafür tragen wir alle die Verantwortung. Tun wir das nicht, dann steht uns ein Debakel bevor, wie einige von uns es von Stuttgart her kennen. Und das kann in niemandes Interesse sein. Wenn wir uns also hier beim Wörth-Areal einig werden würden, dann wären wir schon einen großen Schritt weiter. Allerdings würden wir auch dann immer noch nur bedingt konzeptionell arbeiten bzw. wir hätten immer noch kein wirklich tragfähiges Konzept wie in Nürtingen mit Projekten dieser Art umgegangen werden sollte.
Was meine ich damit?
Ich meine, dass wir das Wörth-Areal nicht isoliert sehen dürfen, sondern es im Rahmen eines ganzen Stadtentwicklungs-Konzeptes sehen müssen. Und da liegt es bei uns im Argen. Wir haben viele einzelne interessante und verfolgenswerte Projekte und viele gute und manchmal auch weniger gute Ideen. Ich nenne hier nur die FKN am anderen Neckarufer. Weiterhin wäre die ebenfalls dort gelegene Psychiatrie zu erwähnen. Was uns jedoch bis heute fehlt, ist eine gemeinsame Klammer; eben die Klammer eines umfassenden Stadtentwicklungskonzeptes.
Ich schlage deshalb vor, dass bei der nächsten Gemeinderatsitzung alle Fraktionen einen gemeinsamen Antrag an die Stadtverwaltung stellen mit folgendem Inhalt:
1. Die Stadtverwaltung soll für Nürtingen zwischen Nord- und Südtangente ein umfassendes Stadtentwicklungskonzept als „Stadt am Neckar“ erarbeiten. ( Im Vorfeld biete ich an – auch gerne gemeinsam mit anderen Stadträten - bei Bedarf ein Gespräch aller Fraktionsvorsitzenden zu koordinieren.)
2. Zur Vorbereitung dieses Projektes sollte meines Erachtens eine Arbeitsgruppe installiert werden, zu der neben dem Oberbürgermeister, Vertreter der einzelnen Fraktionen, Vertreter der Stadtverwaltung (z.B. Technischer Beigeordneter), der Leiter des Bürgertreffs, Bürgermentoren sowie betroffene Bürger oder Vertreter des Wörth-Forums gehören sollten.
3. In dieser Arbeitsgruppe muss auch die Rolle der Stadtverwaltung festgelegt werden, die ich hauptsächlich in der Einbringung der Fachkompetenz , der Koordination und Moderation des gesamten Projekts sehe.
4. Die Beteiligung aller interessierten Bürger muss ebenfalls dabei definiert werden.
5. Die Entwicklung und das Fortschreitens des Projekts muss durch Öffentlichkeitsarbeit, Themenabende oder entsprechende Diskussionsrunden für alle interessierten Bürger transparent gemacht werden.
6. Bis zur Beendigung des Projekts und zur Vorstellung des fertigen Stadtentwicklungskonzepts sollten alle Entscheidungen zum Wörth-Areal, der FKN bzw. der Bebauung des Gebietes der Psychiatrie zurückgestellt werden.
Ich hoffe sehr, dass dieser Vorschlag allgemeine Zustimmung findet. Anregungen und Ergänzungen sind selbstverständlich willkommen.
Bärbel Kehl-Maurer
